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Sind die falschen Prozesse schuld am Untergang der europäischen Chiphersteller?

March 28, 2009

Gleichgültig welches Nachrichtenmedium man im Augenblick auch aufschlägt – überall finden sich neue Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft – Markteinbruch, dramatischer Nachfrage-Rückgang, Umsatzeinbruch, zusätzlicher Kapitalbedarf, Umstrukturierungen, Verkäufe Entlassungen, Pleiten. Spätestens seit der Insolvenz von Qimonda ist klar, dass dieser Kelch auch an der Chipindustrie nicht vorüber gehen wird – so finden sich auf der kürzlich von Moody’s Ratingagentur veröffentlichten „Bottom Rung“-Liste der potentiell Ausfall-gefährdeten Unternehmen auch solche Größen wie AMD. Uns hat insbesondere in Frage beschäftigt, ob und in welchem Ausmaß es einen Zusammenhang es zwischen dieser Branchenentwicklung und Prozessen gibt.

Eine bekannte unabhängige Wochenzeitung für Elektronik stellte vor ein paar Wochen denn auch im Editorial die Frage: „Braucht Europa eine eigene Halbleiterindustrie?“. Natürlich kann man diese Frage zu Recht stellen, ist doch die Chip-Industrie eine der Schlüssel-Industrien, die in Europa entscheidend zur Innovationskraft vieler Branchen beiträgt, sei es nun die Automobilindustrie, der Maschinenbau oder die alternativen Energien. Natürlich kann man dann nach staatlicher Förderung rufen oder nach Bürgschaften zur Risikoabsicherung. Letzteres vielleicht auch zu Recht: ist doch die Halbleiterindustrie eine der wenigen Branchen, die spätestens alle fünf Jahre mehrstellige Millionenbeträge in Fertigungen investieren müssen, und diese Millionenbeträge dann mit Produkten erwirtschaften sollen, die bald nur ein paar Cent kosten. Angesichts dieser immer wiederkehrender Investitionen ist es umso wichtiger für die Unternehmen, sich auf die richtige Geschäftsstrategie zu konzentrieren und mit den richtigen Prozessen zu fertigen – wobei in der Chip-Industrie unter „Prozessen“ nicht Geschäftsprozesse verstanden werden, sondern Technologien, d. h. physikalisch-chemische Prozesse zur Herstellung der Chips.

Nicht nur bei den Geschäftsprozessen sondern auch bei der Auswahl der Prozesse in der Halbleiterindustrie kann ein Chip-Hersteller große Fehler machen. Ein Chip-Hersteller befindet sich oft in einem Teufelskreis: Getrieben von den Grundbedürfnissen nach Fab-Auslastung, Teilhaben an Wachstumsmärkten und Risiko-Verteilung führen Kunden-Nachfragen und Entwicklungen für Kunden ganz schnell zu einem großen Set von unterschiedlichen Technologie-Prozessen, hohen Technologie-Kosten, niedrigen Ausbeuten und zu einem ungesunden Split von Ressourcen, was wiederum ein reaktives Verhalten am Markt zur Folge hat. Der Chiphersteller befindet sich in einer Sackgasse.

Der einzige Ausweg, diesen Teufelskreis von vorne herein zu vermeiden ist es, sich auf die richtige Strategie und die richtigen Prozesse zu konzentrieren. Eine große Marktuntersuchung und detaillierte Analyse von 50 Chip-Herstellern durch die taraneon-Berater hat gezeigt, dass es nur 6 (!) Geschäftsmodelle gibt, die dauerhaft erfolgversprechend sind. Jedes dieser Geschäftsmodelle hat ganz eigene Erfolgsfaktoren, ohne deren Einhaltung kein langfristiges Überleben gesichert ist. Da sich die Geschäftsmodelle in sehr unterschiedlichen Unternehmensarchitekturen niederschlagen, also in unterschiedlichen Ausgestaltungen und Wirkungszusammenhängen von technischer Prozess-, Geschäftsprozess-, Produktions-, Daten- und Organisationsarchitektur, ist ein Wechsel des Geschäftsmodells ein langwieriges und komplexes Vorhaben.

Qimonda gehört in die Klasse „Memory- und Mikroprozessor-Specialist“. Dies ist eines der 6 Geschäftsmodelle und damit prinzipiell erfolgsträchtig. Allerdings ist es das Geschäftsmodell mit dem bei weitem größten Anspruch an Leading-Edge-Know-How und Kapital. Wenn dies nicht langfristig ausreichend zur Verfügung steht, bleibt die Frage, ob die europäische Chip-Industrie ausgerechnet mit diesem Geschäftsmodell erfolgreich sein muss. Zum Glück gibt es auch noch andere Geschäftsmodelle, wie z. B. der „Function Specialist“, die mit weit weniger Kapital auskommen, ohne weniger erfolgreich zu sein.

Die BPM-Regel, immer vom Geschäftsmodell her kommend die Prozesse zu gestalten, gilt selbstverständlich auch in der Chip-Industrie – hier sogar mit doppelter Bedeutung für Geschäfts- und Technologie-Prozesse. Wer die falschen Prozessmodelle wählt, wessen Prozesse nicht zum Geschäftsmodell passen, wird sich in der Wirtschaftskrise noch schwerer tun als Unternehmen, die über eine durchgängige Geschäftsarchitektur verfügen und alle Aktivitäten auf ein Ziel ausgerichtet haben.

In diesem Sinne sind die falschen Prozesse sicher mit schuldig an der Krise europäischer Chiphersteller.

(NKA)

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